Wahrheiten Frau aussprechen Ehrlichkeit

Wie Du sagst, was gesagt werden muss, auch wenn es unbequem ist

Das hier ist wieder ein unbequemes Thema. Ein super-unbequemes. Es geht nämlich um das kulturelle Muster, dass Frauen, die unbequeme Wahrheiten aussprechen, bestraft werden. Das war ein unerwartetes und überraschendes Ergebnis meiner wissenschaftlichen Untersuchungen.

Wenn Du jetzt schon keine Lust hast, weiterzulesen, bitte ich Dich, einmal tief durchzuatmen und Deine Füße zu spüren. Bleib da. Bemerke, wo Dein Körper zumacht.

Ich habe weibliche Hauptfiguren in 450 Mainstreamfilmen untersucht. Und alle weiblichen Hauptfiguren, die angesichts eines Missstandes ihre Stimme erheben, geraten dadurch in eine Abwärtsspirale: Oft sind sie die einzigen, die etwas wahrnehmen, das so nicht in Ordnung ist. Nachdem sie ausgesprochen haben, was nicht stimmt, verlieren sie innerhalb der Filmhandlung sowohl die ihnen nahestehenden Menschen als auch ihr Zuhause – ein Großteil von ihnen muss sogar das Land verlassen!

So die Figur Silvia Broome in „Die Dolmetscherin“, gespielt von Nicole Kidman, die zufällig von einem geplanten Mordanschlag auf einen afrikanischen Staatschef hört, den Vorfall meldet und daraufhin in Geschehnisse verwickelt wird, in denen ihr Bruder und ihr Freund ums Leben kommen und sie schließlich des Landes verwiesen wird.

Figuren dagegen, die angesichts einer schwierigen Situation still bleiben und sich passiv verhalten, geradezu „einfrieren“, bekommen dagegen Hilfe von einem Mann, der sie rettet und in eine neue, positivere Zukunft führt. Auch wenn der Mann nur imaginiert oder halluziniert ist wie in „Gravity“ oder aus dem Jenseits Botschaften schickt wie in „P.S. I Love You“.

Das steckt als Muster in der patriarchalen Kultur, aus der wir kommen.

Als Geschichten, die wir uns wieder und wieder erzählen. Die uns in den Knochen sitzen.

Und damit hängt es zusammen, dass wir Frauen, wenn es darum geht, etwas zu sagen, das für andere unangenehm oder unbequem zu hören ist, uns oft erst einmal zurückhalten. Ich würde sogar sagen: Unser Körper kontrahiert. Weil uns in den Zellen steckt, dass wir bestraft werden, wenn wir zu laut, zu wissend, zu mächtig sind. Siehe die Hexenverbrennungen.

Und ja, es ist verdammt unbequem, darüber zu sprechen. Besonders für Männer. Das verstehe ich. Ein unsexy Thema. Sowas von unsexy.

Ich habe diese Woche einem Mann von dieser Dynamik erzählt und er ist ausgewichen, hat das Thema umgelenkt und von etwas anderem erzählt, das mit Macht und Evolution zu tun hat, mir dazu noch einen Buchtipp gegeben und das Thema war vom Tisch. Sicher nicht, weil er unhöflich sein wollte. Sondern wahrscheinlich, weil es unbequem war, zuzuhören. Wahrscheinlich hat er das gar nicht bewusst gemacht, sondern es war ein körperlicher Impuls, sich wieder auf sicheres Terrain zu begeben. Ich übe, davon auszugehen, dass Menschen, wenn sie sich nicht besonders umsichtig verhalten, nicht anders können. Die Autorin Brené Brown ermutigt in ihrem Buch „Dare to Lead“ dazu, das so zu sehen: Dass die Menschen stets ihr Bestes geben, das Beste tun, was in ihren Möglichkeiten steht. Dann können wir mitfühlend sein anstatt im Bewerten der anderen steckenzubleiben. Und so können wir mitfühlend mit Männern sein, deren System zumacht, wenn wir dieses Thema ansprechen. Trotzdem hätte ich das ansprechen können. Und da hat mein System zugemacht.

Was wir tun können, ja wozu ich uns ermutigen möchte, es zur Praxis zu machen: Bei uns selbst merken, wann wir zumachen und den Impuls verspüren, uns zu verkriechen und zurückziehen. Wann wir ins Smartphone schauen, anstatt präsent zu bleiben, wann wir still bleiben, anstatt zu sagen, was gesagt werden muss und zu tun, was – ja, genau jetzt – getan werden muss. Zum Beispiel, wenn jemand einen rassistischen oder sexistischen Witz macht: Nicht zu lachen oder wegzuschauen, sondern etwas zu sagen und Grenzen zu setzen. Dass das für uns so nicht geht. Auf die Gefahr hin, dass unser gegenüber unberechenbar reagiert. Und uns selbst die Sicherheit zu geben, die wir brauchen, um das zu tun.

Ja, unser Nervensystem schlägt erst einmal Alarm. Und der Körper macht zu. Brené Brown spricht davon, dass ein solches Unbehagen, wenn wir uns erlauben, es bewusst zu erleben, nur acht Sekunden lang andauert. Wenn wir Widerstand verspüren, das unbequeme Gespräch lieber auf morgen verschieben wollen oder denken, eine Email würde auch reichen, hilft es, das Gefühl ganz zu fühlen, und zwar acht Sekunden lang. Es ist, als würden wir einen Stier reiten, sagt sie: Wenn wir die acht Sekunden aushalten, haben wir gewonnen. Und können uns reifer und mutiger verhalten. Wenn wir das Gefühl von Anfang an wegschieben und gleichzeitig in unserem Handeln erstarren oder flüchten, bleiben wir darin stecken. Manchmal jahre- oder jahrzehntelang!

Mir hilft folgender kleiner Prozess, wenn ich merke, dass ich mich vor einer unangehmen, herausfordernden Situation drücke:

  • die Kontraktionen im Körper spüren, das Flattern im Bauch, das Zusammenziehen im Solarplexus – oder was immer sonst da ist –, die Ausweg- und Fluchtgedanken ganz bewusst wahrnehmen, die Sätze ausformulieren, die sich im Kopf formulieren, voll in das Gefühl reingehen, mit Deiner ganzen Aufmerksamkeit
  • dabei langsam bis acht zählen oder kurz einen Timer stellen
  • wichtig: dableiben, nicht abbrechen und etwas anderes machen, weglaufen, Dich ablenken, sondern wirklich in der Unbequemlichkeit bleiben und sie aushalten
  • dann: Dich gerade hinsetzen oder hinstellen. Die Füße hüftweit auf den Boden stellen und sie spüren
    tief hinten über die Wirbelsäule einatmen und Dich aufrichten
  • aufgerichtet bleiben und lang über die Körpervorderseite ausatmen, wie ein Wasserfall, der alles weich macht
    Ein- und Ausatmen noch zweimal wiederholen, dabei beim Ausatmen Kiefer und Schultern lösen und die Stirn und die Brust weich werden lassen
  • Dir des Raumes um Dich bewusst werden: Du kannst einmal um Dich schauen oder einfach den Raum um Dich herum, so weit Deine ausgesreckten Arme reichen würden, spüren
  • Dann frag Dich, was genau getan werden muss, was gesagt werden muss
  • Und tu es
  • Hinterher klopf Dir auf die Schulter, gönn Dir einen Spaziergang oder eine andere Belohnung: Du veränderst gerade die Welt.

Das ist Friedensarbeit und wirklicher Mut: Mut heißt nicht, zu tun, wozu Du nicht bereit bist. Du kannst Dich bereit machen und dann Deine Wahrheit sprechen, auch wenn die Knie weich sind und die Stimme zittert und ein Teil von Dir sich gern verkriechen würde. Und: Mut ist ein Muskel, den Du trainieren kannst. Mit genau dieser kurzen Abfolge.

Gesagt, getan?

Das ist für mich feministische Arbeit – der vierten Welle des Feminismus, bei der wir bei uns selbst anfangen und unsere Schattenseiten ins Licht bringen: Tun, was getan werden muss, sagen, was gesagt werden muss, obwohl ich Angst habe oder nicht will.

Wie landet das bei Dir?

1 Kommentar

  1. […] Der Druck des Ausnahmezustands wirkt wie ein Schnellkochtopf: Alle negativen Tendenzen, die vorher schon da waren, verstärken sich unter Stress. Wer ohnehin zu Angst und Gedankenschleifen neigt, hat wahrscheinlich mehr davon. Wer eh häufig vor Bildschirmen versackt, wird sich öfter darin wiederfinden. Beziehungsdynamiken, die schon vor der Krise da waren, verschärfen sich. Emotionen liegen blank und entzünden sich schneller. Ja, erstmal anstrengend und doch: Was für eine Chance. Für Klarheit, ehrliches Anerkennen und liebevolle Neindankes. […]

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