Lieberating Structures Speed Dating

Wie Du mit „Speed Dating“ in 20 Minuten Schwung in Deine Online-Meetings und -Workshops bringst

Wie oft in der Woche bist Du in einem Online-Meeting, in dem vor allem eine Person spricht? Einzelne Teilnehmerinnen stellen zwar mal Fragen oder waren auch mal auf einem „Hot Seat“ gecoacht – letztlich ist die Veranstaltung jedoch ein Äquivalent zum Frontalunterricht an der Uni. Gähn.
Ich habe vor ein paar Jahren die „Liberating Structures“ kennengelernt, mit denen Gruppen-Interaktionen nicht nur Spaß machen und besonders Online-Calls auflockern, sondern auch zu großartigen Ergebnissen führen.

In diesem Beitrag erfährst Du, weshalb ich interaktive, „befreiende“ Strukturen in Online-Meetings lieben gelernt habe und wie Du die einfache Struktur des „Speed Datings“ gleich in Deinem nächsten Online-Meeting einsetzen kannst.

Warum überhaupt interaktive Strukturen wie „Speed Dating“?

Zunächst, nicht, dass wir uns missverstehen: Für einige Konzepte und Lehr-Elemente braucht es „Frontal“-Vermittlung. Aber wieso damit die komplette kostbare Live-Zeit ausfüllen, wenn man in der Zeit auch Verbindungen zwischen den Teilnehmenden schaffen könnte und die Weisheit der Gruppe sprechen lassen könnte?

Ich achte darauf, dass ich komplexere Lehr-Elemente in Videos vermittle, die jede Teilnehmerin sich in ihrer Zeit anschauen kann. Eventuelle Fragen dazu klären wir dann in einem Live-Call. Ansonsten achte ich darauf, dass ich in Live-Calls, die ich leite, etwa zur Hälfte spreche und zur Hälfte zuhöre. Sonst werde ich zur „Ratgebe-Maschine“, anstatt wirklich die Themen zu hören und ansprechen zu können, die vielleicht darunterlegen, dass jemand in einem bestimmten Lebensbereich ständig an dieselben Grenzen stößt.

Was sind Liberating Structures und woher kommen sie?

„Liberating Structures“, zusammengetragen 2013 von den ehemaligen Führungskräften Henri Lipmanowicz und Keith McCandless sind 33 Rezepte für Gruppen-Prozesse, durch die die „Weisheit, die im Raum ist“ ausgesprochen und nutzbar gemacht wird. Es gibt sehr einfache bis sehr komplexe Strukturen, einige kann man allein oder zu zweit machen, für andere braucht es eine größere Gruppe.

Aktuell gibt es in der Berater-Szene einen großen Hype um die „Liberating Structures“ – zu recht, wie ich finde. Denn keine Moderationstechnik, kein World-Café oder begleiteter Gruppen-Prozess ist – aus meiner Erfahrung – so schnell, effektiv und im Wortsinn „befreiend“ wie die „Befreienden Strukturen“.

Die Strukturen wirken auf den ersten Blick etwas sperrig und vor allem auch streng, da vor allem genaue Zeitangaben eingehalten werden sollen. Aus meiner Erfahrung lohnt sich das sehr: Die ‚maskuline“ und scheinbar strikte Struktur schult sehr, schnell auf den Punkt zu kommen und erlaubt gleichzeitig, dass das ‚feminine‘ – Emotionen, blinde Flecken, Ungeklärtes oder Unausgesprochenes sich voll zeigen kann. Wenn man das zulässt und einen entsprechend sicheren Rahmen schafft, in dem die Prozesse stattfinden.

„Speed Dating“ – wann und wozu?

Das „Impromptu Networking“– umgangssprachlich auch „Speed-Dating“ – genannt, ist eine der einfachen Strukturen – und dauert immerhin 20 Minuten! Auch wenn sie einfach wirkt, gibt es dabei einiges zu beachten, was ich im Folgenden mit Dir teile.

Diese Struktur eignet sich besonders für den Beginn eines Calls oder eines längeren Meetings oder Workshops. Gerade, wenn später viel „Frontalunterricht“ folgt, lohnt sie sich sehr: die Teilnehmer und Teilnehmerinnen kommen miteinander in Verbindung und sehen so die behandelten Themen nicht nur auf einer Sach-Ebene, sondern lernen andere (besser) kennen, die reale Herausforderungen haben, die ihren eigenen ähneln oder auch sehr anders sind.

Zudem kommen die Teilnehmenden gar nicht erst in Versuchung, den Call, das Seminar, als „Konsument“ zu schauen, als wäre es eine Netflix-Folge, sondern bringen sich aktiv als Mitgestaltende ein.

„Speed Dating“ – wie?

Diese Struktur besteht aus drei Runden, in denen die Teilnehmenden jeweils für 4-5 Minuten mit einer anderen Person in einem Breakout-Room sind. Wichtig: Hier findet kein Small-Talk statt, sondern die Teilnehmenden nehmen abwechselnd für 1-2 Minuten die Rolle des Sprechenden oder des Zuhörenden ein. Die sprechende Person beantwortet zwei zu Beginn gestellte Fragen, die durch alle drei Runden hindurch gleich bleibt. Die zuhörende Person hört nur zu, stellt keine Zwischenfragen, antwortet, bewertet oder coacht nicht. Dann werden die Rollen getauscht. Dies wiederholen wir dreimal mit wechselnden Partnern .

Die zwei Ausgangsfragen, die zu Beginn gestellt und am besten auch in den Chat gepostet werden bestehen aus

  • -einer offenen Frage wie „Was ist gerade Deine größte Herausforderung?“, „Was ist Dein wichtigstes Ziel für dieses Jahr?“ oder „Was brauchst Du gerade an Unterstützung von dieser Gruppe?“. Achtung, nicht zu offene Fragen stellen wie „Was willst Du alles noch in diesem Jahr machen“ oder „Was weißt Du über Coaching?“, eher „Was ist eine Sache, die Du noch in diesem Jahr machen willst“ oder „Was findest Du, ist das Wichtigste am Coaching?“
  • einer ganz einfach zu beantwortenden, geradezu banalen Frage zur Lebensrealität der Einzelnen. Das kann von „Von wo schaltest Du Dich heute dazu“, „Wo lebst Du“, „Was hast Du heute gefrühstückt?“ bis hin zu lustigen Kuriosa wie „Was war Dein Traumberuf als Kind/Jugendliche?“ gehen.

Das funktioniert deshalb so gut, weil die einfache Frage die komplexere auflockert.

„Speed-Dating“ – Ablauf

  • Erklären der Struktur, erklären der Rollen und dass jede/jeder 1 oder 2 Minuten (Zeit genau festlegen!) zum Teilen hat und sich dabei selbst timed, also ein Gerät mit Stoppuhr-Funktion neben sich liegen hat.
  • Stellen der 2 Fragen und Posten im Chat.
  • Die Teilnehmenden zu zweit in Breakout-Räume schicken (4-5 Min).
  • Die Breakout-Räume beenden und auf „Neu erstellen“/„Recreate“ klicken, sodass neue Paare gebildet werden.
  • Die Teilnehmenden für die zweite Runde in Breakout-Räume schicken (4-5 Min)
  • Die Breakout-Räume beenden und auf „Neu erstellen“/„Recreate“ klicken, sodass neue Paare gebildet werden.
  • Die Teilnehmenden für die dritte Runde in Breakout-Räume schicken (4-5 Min)
  • Kurzes Debriefing: „Wie war die Erfahrung“/„Was habt Ihr erlebt?“ In der Regel ist die Stimmung gelockert, die Gesichter glühen und die Leute sind „warm“ und aufnahmefähig für den weiteren Inhalt.

Tipps zum „Speed-Dating“

  • Darauf hinweisen, dass die Bratout-Räume nicht aufgezeichnet werden. Kurzes Agreement darüber, dass alles, was dort besprochen wird, vertraulich bleibt.
  • Am besten eine kurze Demo-Runde machen, in der verdeutlicht wird, wie eine Person nur spricht, dabei die Zeit stoppt, die andere nur zuhört und dann die Rollen getauscht werden, ohne dass Smalltalk stattfindet. Für Menschen, die diese Kommunikation-Formate nicht kennen, kann es zu Beginn verunsichern, dass man sich nicht „privat quatschend“ austauscht.
  • Es lohnt sich, wirklich drei Runden zu machen und die Übung nicht abzukürzen. Gerade, weil die Fragen gleich bleiben, erlaubt das den Teilnehmenden, sich mit jeder Runde klarer auszudrücken. Wenn ich selbst bei dieser Übung mitmache, bin ich oft sehr erstaunt, was ich mich selbst sagen höre: Häufig etwas ganz anderes als ich gedacht habe. und oft verändern oder entwickeln sich die Antworten auch über die drei Runden. Genau darum geht es. Genau das ist die Magie, die sich hier entfaltet.

Probier diese Struktur doch in Deinem nächsten Online-Meeting aus und erzähl’ mir, wie es gelaufen ist. Ich bin sehr gespannt, von Dir zu hören.