Ayurveda Sport Bewegung

Ayurveda und Bewegung: Was für Deinen Körper wirklich gut ist

 

Aus Ayurveda-Sicht bewegen die meisten von uns sich entweder zu wenig oder verausgaben uns zu sehr. Oder beides!

In diesem Beitrag erfährst Du, was Ayurveda gerade Dir in Punkto Workout rät und wie intensiv, wann und wie lange Du Dich am besten bewegst.

Stell Dir vor: Nie mehr ein schlechtes Gewissen und Quälerei im Gym und dabei fit, gesund und voll in Deiner körperlichen Kraft.

 

Klingt gut? Dann lies weiter.

 

„No Sports“ – Nie wieder Sport?

Würde Ayurveda darauf schauen, wie wir uns heutzutage bewegen, würde Ayurveda als Erstes mal die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sagen: „Euer „Sport“ ist komplett überbewertet. Powert Euch mal nicht so doll aus“.

Moment, das heißt jetzt aber auch nicht, dass wir uns gar nicht bewegen sollen!

Wie immer im Ayurveda gibt es hier keine Regel, die für alle gilt, sondern es kommt darauf an, wer sich wie intensiv, wann und wann, wie, wie intensiv und wie lange bewegt.

 

Also der Reihe nach:

 

Was macht Bewegung mit dem Körper?

Erstmal brauchen wir ein bisschen Background:

In den alten Texten beschreibt der Arzt Vagbhata die Auswirkungen von körperlicher Bewegung:

– das Leichte im Körper wird verstärkt

– Durchhaltevermögen wird gefördert

– die Fähigkeit, hart zu arbeiten wird gestärkt

– das Verdauungsfeuer wird gestärkt

– Fett wird reduziert

Klingt logisch, oder? Interessant finde ich, dass das viel genauer und differenzierter ist als die allgemeine Auffassung: „Sport macht fit und ist gesund“.

Wenn Bewegung das Leichte verstärkt, heißt das nach dem Ayurveda-Grundsatz „Gleiches Verstärkt Gleiches, Gegenteile reduzieren einander“: Sehr viel Bewegung ist für sehr leichte Menschen nicht so super. Das heißt jedoch nicht, dass diese Menschen sich gar nicht bewegen sollten!

 

Auspowern ist überhaupt nicht Ayurveda

Ayurveda rät, sich bei körperlicher Bewegung nicht bis zum Rande der körperlichen Kapazität zu belasten.

Das scheint auch aus Sicht neuester Erkenntnisse über das vegetative Nervensystem sinnvoll: Wer sich ständig über körperliche Grenzen pusht, dessen Nervensystem geht in den Ausnahmezustand. Zu viel Anstrengung signalisiert dem Körper: Lebensgefahr. Der Körper geht in einen Überlebens-Modus, in dem etwa das Verdauungssystem nur noch auf Sparflamme arbeitet. Wenn man dann nicht vollständig regeneriert und den Körper wieder in einen Entspannungs-Zustand bringt – was ja in einer Welt mit ständigen Reizen und Informationen zunehmend schwerer wird – bleibt der Stress im Körper stecken. Langfristig ist das gar nicht gesund.

Wenn das Körper-Geist-System mehr Stress erfährt, als es regulieren kann, erstarrt es in einem vegetativen Stress-Zustand, in dem der Körper nicht mehr tief regeneriert und auch Heilungsprozesse nicht mehr so gut bewältigt werden können. Dann haben wir ein Problem.

 

Für wen ist also wie intensive Bewegung gut?

Bis zur Hälfte seiner Kapazität Sport zu machen wird Menschen empfohlen, die

– viel Kapha in der Konstitution, einen breiten Körperbau und schwere Knochen haben

– ein hohes Körpergewicht haben

– in kühlem Klima leben (alle, die in den kalten Monaten in in Mittel- und Nord-Europa leben, gehören definitiv dazu)

 

Sich noch weniger als zur Hälfte ihrer Kapazität zu verausgaben wird Menschen geraten, die

– viel Vata in ihrer Konstitution haben und leichter gebaut sind

– in warmem Klima leben

– erschöpft sind

 

Wenn Du gerade geschwächt bist oder einfach wenig geschlafen hast, unterstützt Du Dich, indem Du Dich nur sanft und leicht bewegst. Spazierengehen oder sanftes Yoga ist dann super.

Wenn Du als Vata-Mensch im Nordeuropäischen Winter lebst, gilt ein Mittelmaß – und ein feines Gespür dafür, was Dein Körper gerade braucht.

Im Winter brauchen wir in diesen Breitengraden alle mehr Bewegung. Also: Nicht bis zum Frühjahr warten und dann erst die Joggingschuhe aus dem Schrank holen. Entwickle eine Routine und besorge Dir die richtige Kleidung um gerade auch in den kalten Monaten in Bewegung zu bleiben und der Winter-Stagnation entgegenzuwirken.

 

Atme durch die Nase!

Im Kraftfrauen-Programm sprechen wir von Atem-Bewegungspraxis und nicht von Sport. Und es ist gerade Dein Atem, der entscheidet, ob Du mit der Bewegungseinheit Kraft tankst und Dich stabilisierst oder Dich und Deinen Körper stresst. Der Schlüssel: Wenn Du während der Bewegung durchgehend tief und gleichmäßig durch die Nase atmest, bringst Du Dein Körper-System in den Entspannungs-Zustand – auch wenn Du ihn dabei bewegst, die Lunge forderst und Muskeln belastet. So baust Du Residenz auf. Wenn Du dagegen durch den Mund oder kurz und erratisch atmest, kommt der Körper in den Stress-Zustand.

Mit tiefem Atem durch die Nase bringst Du wirklich Prana – Lebensenergie ins System und lässt es sich beruhigen und ausgleichen.

 

Komm ins Schwitzen, und dann lass gut sein

Beweg Dich so lange und so intensiv, bis der Atem schnell und der Mund trocken wird und Du auf der Stirn, der Nase und am Rücken zu Schwitzen beginnst. Einmal am Tag ins Schwitzen zu kommen ist das Ziel. Aber nicht, bis überall die Schweißperlen kullern!

Es geht nicht darum, Dich wie ein Handtuch auszuwringen, sondern einfach nur den Kreislauf in Gang bringen, etwas warm zu werden. Das war’s schon.

Wenn Du Dich mehr auspowerst, erschöpfst Du Dich. Ayurveda und die Traditionelle Chinesische Medizin sprechen von Körpersäften, die Du damit austrocknest und die Du brauchst, um fit, gesund, kreativ, fruchtbar und guter Laune zu bleiben. Mit leeren Batterien bist Du im Wortsinn ausgebrannt.

Das heißt jetzt nicht, dass Du Deine Gym-Mitgliedschaft sofort kündigen musst. Ein Fitness-Studio ist toll. Aber sieh es als Spielplatz, nicht als Ort des ständigen Pushens und Über-die-Grenzen-Gehens. Ich gehe gerne ins Gym, fühle mich dort allerdings oft wie die einzige, die wirklich Spaß hat, inmitten von Menschen mit angestrengten Stirnfalten, nassen Schweiß-Handtüchern und stählernen Bodies. Die finden mich bestimmt auch komisch. Jeder, wie er meint 🙂

 

Wann Bewegung am meisten bringt

Ayurveda rät dazu, Dich morgens vor dem Frühstück zu bewegen. Damit löst Du Stagnation, nachdem Du die ganze Nacht gelegen hast, pustest die Kanäle durch und bringst frisches Prana – Lebensenergie – ins System.

Mach mal den Test und setz Dich morgens ohne Dich vorher zu bewegen an den Schreibtisch und an einem anderen Tag beweg Dich vorher eine Viertelstunde. Du wirst merken: Dein Gehirn ist klarer, weil Deinem Gehirn mehr frischer Sauerstoff zur Verfügung steht. Ich wette, dass Du klarer und produktiver bist!

Insgesamt ist es sinnvoll, sich in der Kapha-Zeit, also morgens zwischen 6 und 10, sowie abends zwischen 18 und 22 Uhr zu bewegen. Diese Zeiten sind bestimmt von den Elementen Erde und Wasser, sodass Du beim Workout gut durchhältst und Dein Körper besonders gestärkt wird. Man könnte sagen: In dieser Zeit ist Deine Bewegungs-Einheit am besten investiert.

Und, ganz wichtig: Beweg Dich auch tagsüber immer wieder in Mikro-Einheiten. Intermittierende Bewegung lautet das Stichwort. Mehr dazu gleich. Erstmal fragst Du Dich bestimmt, wie viel Bewegung denn fürs gute Gewissen ausreicht, oder?

 

Wie lange Du Dich bewegen solltest

Du brauchst weder jeden Morgen eine volle Yogaklasse machen, um die Alster rennen oder Dich schon vor der Arbeit im Gym völlig auspowern. Gerade, wenn Du da keine Lust zu hast. Gerade, wenn Du da keine Lust zu hast. Fang lieber früher an zu arbeiten und schaff weg, was zu tun ist, sodass Du am Abend früher frei machst und Zeit hast, Dich nochmal zu bewegen.

Morgens eine Viertelstunde ist super. Das ist das Minimum. Wenn Du Lust hast, mach länger.

Mein Richtwert ist mindestens 40 Minuten Bewegung am Tag. Meistens mache ich morgens 20-30 und abends auch noch mal etwa so lange. Nicht erschrecken: Manchmal ist das auch einfach nur ein Spaziergang. Ja, das zählt auch!

Wichtig ist, dass Du insgesamt den Tag über in einem Maß körperlich aktiv bist, das Deine Energie komplett „ausfahren“ lässt, sodass Du abends müde bist und gut schlafen kannst. Wenn Du Dich zu wenig bewegst, kann es sein, dass Du im Bett hellwach im Bett liegst und Deine Gedanken zu Kreisen beginnen. Wenn Dein Körper müde ist, kannst Du tief und fest schlafen.

Und: Wer sich genug bewegt, hat es auch leichter mit Verdauung und Ausscheidung. Wenn Du oft Verstopfung hast oder schlecht verdaust, könnte mehr Bewegung ein Schlüssel für Dich sein.

 

Mach Bewegungs-Pausen!

Sitzen ist das neue Rauchen. Ist bekannt, oder? Steh mindestens alle 90 Minuten einmal vom Schreibtisch auf und beweg’ Dich für mindestens 5 Minuten: Streck Dich! Bring den Kreislauf in Gang. Wenn Du den Luxus einer Yogamatte in der Nähe hast (Hallo, Homehoffice!) mach ein paar Bewegungen wie Katze-Kuh, Hund oder den guten alten Hampelmann – oder wonach Dir gerade ist. Wenn Du in einem Büro bist, geh Dir neuen Tee kochen und geh vielleicht ein Stockwerk Treppen hoch und wieder runter und schnapp etwas Luft auf dem Balkon. Dann bekommt das Gehirn neuen Sauerstoff und die Wirbelsäule stagniert nicht. Je mehr von solcher „intermittierenden Bewegung“ den Tag über, desto besser.

Next Level sind Stehtische oder Laufbänder am Schreibtisch. Werde kreativ, wie Du noch im Arbeits-Alltag in Bewegung bleiben kannst.

 

Welche Bewegung ist die Richtige?

Bewegung ist wichtig, so viel ist sicher. Aber wirf ruhig Dein Konzept von anstrengendem Sport über Bord. Denk eher an einen Hund, der Auslauf will, als an Marathon-Training.

Wenn Du allerdings echt gerne in der Mucki-Bude pumpst und Marathons zu Deinem Leben gehören, musst Du nicht damit aufhören. Für Dich ist einfach wichtig zu lernen, wie Du Deinen Körper nach der Aktivität richtig gut regenerieren zu lässt.

Insgesamt gilt: Mach, was Dir Spaß macht! Und variiere ab und zu. Mal sanftes Stretching mit Yoga, mal Ausdauer aufbauen mit Joggen und mal die Muskeln trainieren und aufbauen. Wie Du entscheidest, wie Du zwischen verschiedenen Workouts noch feiner und für Deinen Körper-Typ variierst, erfährst Du im Beitrag nächste Woche.

Und: Frag Deinen Körper, was er braucht und was ihm guttut, anstatt dass Du Dir irgendein Programm auferlegst, das sich nicht gut anfühlt. Ja, Yoga ist gesund. Aber nur, wenn man dabei auf sich achtet. Wie viele Freundinnen haben mir schon berichtet, dass ihnen in einer Vinyasa-Klassen auf einmal etwas im Rücken oder in Gelenken weg getan hat, was seither nicht wieder weggeht. Und das, weil die Anleitungen zu schnell, zu ungenau oder einfach nicht für jeden Körper sinnvoll waren.

Nahezu jede Sportart kannst Du so machen, dass sie Dir guttut.

 

Fazit: Hör auf Deinen Körper

Sei ehrlich mit Dir und nimm feiner wahr, was Dein Körper braucht. Finde heraus, wie viel Belastung Deinem Körpertyp guttut, wie Du Dein Workout der aktuellen Jahreszeit entsprechend anpassen kannst und in welchem Zustand Dein Körper gerade ist und was er gerade mehr braucht.

Beweg Dich auf jeden Fall morgens vor dem Frühstück für 15 Minuten. Beweg Dich insgesamt tagsüber öfter. Power Dich dabei jedoch nur so weit aus, dass Du den Kreislauf einmal ankurbelst und ins Schwitzen kommst.

Wenn Du das beachtest, kommst Du nach Ayurveda mehr in Deine körperliche Mitte und wirst Dich gesünder und fitter fühlen.